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  • Franziska Mäge

GET TO KNOW - Sanni Beucke

"Segeln ist einzigartig. Es ist eine von wenigen Sportarten, bei denen wir Frauen uns mit Männern auf Augenhöhe messen können."

Foto: Felix Diemer

Erzähl uns etwas mehr, wie bist du zum Segeln gekommen und wann hat dich zum ersten Mal die Leidenschaft gepackt?

Ich bin in einer Seglerfamilie aufgewachsen und meine Eltern haben mich schon früh mit aufs Boot genommen. Als ich mit zwölf das Buch über die Weltumseglung von Ellen MacArthur las, hat mich das Hochseefieber sofort gepackt. In unserem heimischen Seglerverein habe ich auf Jollen angefangen, das Handwerk zu lernen. Ich wollte immer besser werden und fing an, den olympischen Traum als Seglerin zu verfolgen. Den Gedanken ans Hochseesegeln habe ich dabei aber nie vergessen.


Warum hast du dich für den 49er FX als Bootsklasse entschieden? Was waren deine/ eure größten Erfolge in 13-Jahren 49er FX-Segeln?

Als der 49erFX 2011 olympisch wurde, war für meine Teampartnerin Tina und mich sofort klar, dass wir dieses Boot segeln wollten. Es ist schnell, athletisch und ein wunderbar designtes Boot. Unsere größten Erfolge neben vielen guten Weltcup-Ergebnissen waren, dass wir zweimal Europameister geworden sind und, natürlich, die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio.


Mit deiner Kampagne “This Race is Female” hast du das ehrgeizige Ziel, die erste deutsche Hochseeseglerin zu werden. Kannst du uns etwas von deinen Erfahrungen als Frau in einem männerdominierten Sport berichten? Wie hast du diese überwunden?

Segeln ist einzigartig. Es ist eine von wenigen Sportarten, bei denen wir Frauen uns mit Männern auf Augenhöhe messen können. Natürlich haben wir immer einen physischen Nachteil, aber den können wir bei Offshore-Rennen ausgleichen, weil Willenskraft, ein klarer Kopf und Durchhaltevermögen entscheidend sind. Diese Disziplin eignet sich somit perfekt, um auf die Leistung von Frauen aufmerksam zu machen. Wir wollen für das gesehen werden, was wir können und nicht auf unser Geschlecht reduziert werden. Zudem brauchen Frauen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie ihre Träume erreichen können. Frauen trauen sich eher etwas zu, wenn sie gesehen haben, dass andere es vor ihnen geschafft haben. Ich bin unheimlich dankbar für die Vorbilder, die ich habe. Etwa Samantha Davies, Ellen MacArthur oder Florence Arthaud. Um nur einige zu nennen.


Ein Teil deiner Kampagne zielt auch auf “Inklusion auf dem Regattakurs” ab, kannst du uns kurz erzählen, was es damit auf sich hat?

Inklusion und Segeln passen wunderbar zusammen, denn an Bord findet jede:r die Aufgabe, in der er oder sie gut und wichtig ist und kann Teil eines starken Teams werden. Deswegen hat mein Segelverein ein Team mit blinden Segler:innen aufgebaut, das an der Bundesliga in der J 70 Klasse teilnimmt. Ich bin stolz, die Schirmherrin dieses Projektes sein zu dürfen, und meinem Team mit seglerischen Ratschlägen zur Seite stehen zu dürfen. Und von meinem Team bekomme ich jede Menge Inspiration zurück. Es ist irre, was diese Menschen an Bord trotz und manchmal auch gerade wegen ihrer Einschränkungen leisten können.


Welchen Rat würdest du der nächsten Generation von Seglerinnen geben?

Ich hoffe, dass wir irgendwann so weit sind, dass man nicht zwischen weiblichen und männlichen Segler:innen unterscheiden muss, weil es einfach keinen Unterschied mehr macht. Zurzeit ist das leider noch so, und wir erleben eine unterschwellige Diskriminierung. Auf der anderen Seite ist es eine tolle Zeit als Frau mit dem Segeln anzufangen, denn es gibt viele Projekte die gerade Frauen im Segeln unterstützen. Denken wir an das Magenta Projekt, oder auch die IOC-Quote, die besagt, dass der Genderanteil bei den Olympischen Spielen 50/50 sein muss. Es gibt viele Chancen, aber nichts schlägt Kompetenz. Die braucht man, um langfristig erfolgreich zu sein. Und um diese zu erlangen, benötigt man viel Durchhaltevermögen und Biss.


Warum hast du dich dafür entschieden in die Figaro-Klasse einzusteigen? Warum hast du diese Bootsklasse gewählt und was ist die größte Herausforderung bisher?

Ich habe mich für die Figaro-Klasse entschieden, weil es vom Niveau her wie bei den olympischen Bootsklassen zugeht. Hier gibt es schon sehr gut strukturierte Trainingsgruppen in Frankreich und das Wissen und das Niveau sind einmalig. Und die Historie gibt der Klasse recht. Viele der besten Vendée Globe-Teilnehmer:innen entspringen der Figaro-Klasse. Es gibt sehr viele Herausforderungen, wenn man aus dem olympischen Segeln ins Hochseesegeln wechselt. Zum einen das technische Wissen rund um Navigation und Sicherheit. Zum anderen muss man sich an das Leben an Bord gewöhnen. Beim Hochseesegeln ist man für mehrere Tage unterwegs, schläft kaum und isst schlecht. Außerdem ist da der Kopf, den man trainieren muss, langfristige Entscheidungen zu treffen und nicht wie im 49erFX impulsartig aus der Intuition heraus zu handeln.


Du wirst am Solitaire Du Figaro ab dem 21. August teilnehmen. Was sind deine Erwartungen an dich selbst?

Das Niveau in der Klasse ist so hoch wie in keiner anderen Hochseeklasse, somit erwarte ich von mir rein gar nichts. Ich bin eine Person, die eher am Prozess interessiert ist, als am Ergebnis. Und für dieses Jahr läuft alles genauso wie ich es mir gewünscht habe: Ich habe tolle Sponsoren an meiner Seite gefunden, die mein Projekt unterstützen (DB Schenker, Musto) und bin mittlerweile in der Hochseeszene hier in Frankreich etabliert. Wenn ich jede Etappe beenden kann und von jedem Rennen mit wichtigen neuen Erkenntnissen zurückkehre und motiviert bleibe, habe ich mein Ziel erreicht. Solo Hochseesegeln ist so komplex, dass es das Wichtigste ist, einen frischen Kopf zu bewahren. Und das geht nur mit realistischen Zielen.


Wie sieht ein Tag von Sanni Beucke aus, wenn sie mal nicht segeln geht? Was machst du in deiner Freizeit, hast du irgendwelche Hobbies?

Leider bleibt mir neben der Kampagne viel zu wenig Zeit für meine Hobbies. Aber wann immer es möglich ist, versuche ich meine Familie und Freunde zu sehen. Sie geben mir unheimlich viel Energie. Meistens gehen wir dann Segeln, oder wir sind am Strand oder Essen zusammen… Wir machen also relativ gewöhnliche Dinge. Und genauso mag ich es: ganz gewöhnlich.


Wir haben gesehen, dass du dich für das “Vanlife” entschieden hast! Warum gerade das Leben in einem Bus? Wie ist es dazu gekommen? Was sind die Herausforderungen dabei, während du deine Profi-Segel-Karriere vorantreibst?

Jede Segelkampagne beginnt damit, dass der Segler oder Seglerin in seinem Auto lebt. Jedenfalls beginnt fast jede Geschichte hier in Frankreich so. Bei mir hatte das Ganze einen noch viel simpleren Grund: Ich mag es nicht, Taschen zu packen. Während der Olympiakampagne hat das Leben im Van dazu geführt, dass ich sehr viel effizienter arbeiten konnte. Ich hatte immer alles an einem Ort, was ich benötigt habe, um meinen Sport, Büroarbeiten und Reparaturen am Boot zu machen. Mir gefällt es so gut, dass ich dieses Format auch für Lorient übernommen habe.


Du liebst das Abenteuer – Wenn du das Offshoresegeln aufgeben müsstest, welche Sportart oder welches Abenteuer würdest du gerne als nächstes ausprobieren?

Das ist eine so schwere Frage. Es muss auf jeden Fall ein Fortbewegungsmittel dabei sein, das es zu pflegen und optimieren gibt und ich müsste auch weiterhin vom Wetter abhängig sein. Mir fällt dann sofort etwas mit Fliegen ein, aber ich habe leider totale Flugangst.


Wenn du einen Soundtrack für dein Leben auswählen müsstest, welcher wäre es?

„Ich mach mein Ding“ von Udo Lindenberg. Er ist ein deutscher, wirklich schräger Künstler, der sich immer sehr wenig darum gekümmert hat, was anderen über ihn denken. Damit hat er es sehr weit gebracht. Und davon handelt auch das Lied.


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